Das hatten wir uns anders vorgestellt. Aber so richtig GANZ ANDERS. Da sitzt man im Sommer auf seinem Bootn! und überlegt, wo denn ein feiner Winter-Liegeplatz wäre. Nah an zuhause, geschützt und natürlich so gelegen, dass man jederzeit lossegeln könnte.

Palau und Cannigione bei Mistral zu stürmisch, Porto Pozzo zu einsam, La Maddalena zu umständlich – da fiel die Wahl auf Poltu Quatu. Ein sehr sehr hübscher Hafen, etwas versteckt in einem kleinen Fjord gelegen, und mit viel Platz in den Wintermonaten schien es uns das Beste für die Assajé zu sein.
Im Sommer geben sich hier die „VIP“ und Schickimickis ein Stelldichein. Ab Oktober gehörte er uns quasi allein. Mit jeder Woche wurden die Leute netter, und die Lage war ein Traum: Im Naturschutzgebiet Caprera in Nullkommanix. Und das für einen echt guten Preis.
Unser Liegeplatz lag etwas weit außen, war aufgrund der Länge des Hafenbeckens etwas weit zu laufen. Aber im Winter, so sagte man uns, würden die Boote weiter ins Innere geholt, auch um sie vor Wind zu schützen.
Das ging also ne Weile gut. Bis uns auffiel, dass der Berg, um den das Hafenbecken gebaut ist, eine echte Düse für den Wind ist. Kapeffekt im Hafen, das hatten wir auch noch nicht.

Sturmkontrolle im Winter war ab 25, 30 Knoten (und das kommt oft vor) echte Arbeit. Im Gegensatz zu Santa Maria Navarrese, wo man das Boot getrost 4 Monate ohne Aufsicht liegen lassen konnte, musste man hier Windrichtung und Düse genau beobachten, dann die Leinen entsprechend verändern.
Die Hafenboys hatte zudem die Tendenz, die Assajé an den Murings so festzuziehen, das sie nicht mehr schwojen konnte. Zugegeben, es sieht recht spektakulär aus, wenn sie sich in den Wind legt. Aber lasst Ihr doch den Spaß! Besser fürs Material ist es auf jeden Fall. Aber man ist hier eher den Umgang mit Motorbooten als mit hübschen kleinen Segelyachten gewohnt.
Wichtig war: Gut fendern zum Nachbarboot. An Steuerbord lag zum Glück ein 8m-Schlauchboot – quasi selbst ein Riesenfender 🙂
Doch dann gab es mal wieder diese Wetterlagen, von denen man nicht ahnt, was sich daraus entwickelt. Anfang 2015 gab es zwei echte Stürme über mehrere Tage – einen mit 8-10 Windstärken aus West im Februar.
Das ging gerade so eben noch, weil Bootn mit der Nase zur vorherrschenden Windrichtung festgemacht war und sich einigermassen auf dem Platz hielt. Das Schlauchboot war weg, so konnten wir sie ein bisschen weiter weg vom Backbord-Nachbarn „Ciupa“ stellen. Das hat die Assajé sehr gut hingekriegt.

Aber war in dieser Zeit irgendwer da, der unser Boot mal in den inneren Hafen gebracht hätte, oder uns angerufen hätte? Nö. Das Hafenbüro ist in der gesamten Nebensaison geschlossen und nur durch Zufall erreichbar.
Der zweite Sturmtermin war Anfang März. Aus einem kleinen Genuatief, wie es sie öfter gibt, entwickelte sich durch unglückliche Wetterumstände ein ausgewachsenes und sehr stabiles Orkantief. Das setzte sich über dem Tyrrhenischen Meer fest und – extrem selten – brachte den Nordwind Tramontana mit Sturmstärke, anfangs ausgesprochenem Schlechtwetter und über mehrere Tage bis zu 8 Meter hohen Wellen in Richtung Sardinien (hier eine Bilderserie auf meinem Sardinien-Blog).
In den Wetterprognosen hatte es für die Küste noch einigermaßen erträglich ausgesehen, doch dann legten sich die inneren Isobaren, wo es am stärksten weht, exakt über den Nordosten Sardiniens – und quasi direkt auf den Hafen.

Nun will es der Zufall so, dass Poltu Quatu auch noch genau nach Norden hin geöffnet ist – und unser Boot seitlich zur Windrichtung festgemacht war.
Die Assajé war völlig ungeschützt dem Wind und dem Schwell, der direkt auf die Hafeneinfahrt stand, ausgesetzt.
Als wir merkten, dass der Wind immer stärker wurde und wir zur ersten Kontrolle hinfuhren, um noch eine Sicherheitsleine zu legen, war es bereits zu spät, das Boot umzusetzen – Wind und Wellen im Hafen waren anormal stark.
Zumal im Hafen eh niemand erreichbar war, den wir um Hilfe bitten konnten. Das Boot schwankte und fünf Leinen zerrten an den Klampen.
Der Abend war dann richtig dramatisch. Wir konnten nicht mehr aufs Boot, so stark war der Seegang. Wind und Regen machten es eiskalt und ungemütlich. Wir konnten nichts mehr tun. Nur noch ein letztes Mal die Leinen kontrollieren und dann nach Hause fahren.
Nach einer unruhigen Nacht standen wir am nächsten Morgen im Hafen – immer noch stürmte es. Zwar schien die Sonne, aber was brachte das: Die Windstärke lag IM Hafen lag bei 10, in Böen noch mehr. Aber der Hammer waren die anlaufenden Wellen. Die ganz großen Brecher wurden an der Hafeneinfahrt abgefangen, aber das, was ankam, reichte dicke.
Die Assajé kämpfte tapfer. Die Persenning hatten wir schon zuvor zerrissen und zerpflückt vom Boot sammeln müssen. Aber: Heute war das Vorsegel an der Rollfock dran, das sich an einer Stelle auswickelte und einriss. Künftig holen wir es immer rein, wenn Starkwind bloß angesagt ist. Nützt ja nix.

Aber noch viel schlimmer: Das Nachbarboot hatte sich an einer Seite die Leinen durchgescheuert, stand schief und hatte sich in Assajés Reling verfangen. Die Fender waren durcheinander gewürfelt und langsam aber sicher hatte Ciupa die Teakleiste aus der Verankerung gerissen, die Bordwand leicht beschädigt und die Stangen des Seezauns verbogen.
Der große Nachteil an Poltu Quatu: fast null Service in der Nebensaison. Dann, wenn’s aus Seglersicht eigentlich not täte – aber nein, das Gourmet-Catering aufs Boot und einen Taxidienst in den VIP-Club brauchen wir jetzt nicht. Und keine Eigner, die sich um ihr Boot sorgen oder gar kümmern. Sie erwarten, dass der Hafen das tut – und der tut’s nicht.
Tatsächlich fanden wir nach einer Viertelstunde sogar zwei Hafenjungs: ein Teenie mit zwei linken Händen und der andere etwas geübter, aber schon im Rentenalter – und beide nicht in der Lage unser Boot zu betreten …
Sie hatten gerade mit Müh und Not ein Boot gerettet, das sich an einer Ecke der Betonmole die Bordwand aufschlug … Es dauerte also, bis man für Ciupa neue Leinen organisiert hatte und unsere Boote wieder so weit auseinander gestellt hatte, dass der Wind keinen weiteren Schaden mehr anrichten konnte.
Das Boot eines Freundes hatte man nach einem Unterwasseranstrich noch im Kran hängen lassen und offensichtlich nicht geschafft, es zurück an Land zu stellen oder ins Wasser zu setzen. Jedenfalls schaukelte es dermassen, dass sich den Mast verbog und die Bordwand beschädigte. Fast ein Wunder, dass sie überhaupt im Kran hängen blieb.

An der Assajé entstand insgesamt ein Schaden von … ach, reden wir nicht darüber. Wir machten den Lauten und endlich schaffte es der Hafen, die Assaje ins innere Becken zu verfrachten, neben die Jungs vom Orso Diving – ausgesprochen nette und coole Nachbarn, mit denen wir uns bald anfreundeten.
Die Frühjahrs-Starkwindtage hat Bootn! an dem Platz bestens ausgestanden.
Mittlerweile geht es ihr wieder gut, alles ist repariert und Ende des Monats ist auch der Liegeplatz in Poltu Quatu „abgewohnt“. Im Juli und August geht es wieder auf Fahrt um die Insel!
Dann sind wir weg und kommen wenn’s nach uns geht, nie wieder nach Poltu Quatu, höchstens mal für ne Nacht, um Hallo zu sagen und gleich wieder umzudrehen 😉


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